Was bleibt, wird die Zeit bringen.

Interview

Im Gespräch:
Matthias Kehle und Frank Milautzcki
 

Interview

Was bleibt, wird die Zeit bringen – Matthias Kehle blogt in Sachen Lyrik

„Mein erster Versuch als Blogger: Die Suche nach Lyrikblogs. Was gebe ich bei Google ein? Natürlich >Lyrikblog<. Und was finde ich? Lyrikkinderkram. Müll. Nichts als sentimentalen Müll.“ ----das sind die Sätze, mit dem Matthias Kehle Anfang November letzten Jahres seinen Blog eröffnet. Man muß, das ist in unserer Gesellschaft sicher kein Novum, tiefer in etwas eintauchen, um etwas zu finden, was wirklich zu einem paßt – das Platte und Oberflächliche bleibt meist obenauf liegen. Aber dahinter lohnt es sich ausgiebiger in den Tiefen des Internets zu suchen, denn es gibt sehr wohl Hervorragendes und Außerordentliches, und ein guter Surfer und Googler findet sich rasch zurecht. Und auch bald einige Blogs, die unbedingt lesenswert sind.  Einige sind inzwischen regelrechte Kultseiten geworden, man denke nur an Lotrees Journal (Lothar Reese) oder die Dschungel.Anderswelt (Alban Nicolai Herbst). Auch Matthias Kehles Blog habe ich unter den Favoriten gespeichert, weil es hier immer wieder bislang unveröffentlichte Gedichte zu lesen gibt von interessanten Lyrikern und Lyrikerinnen wie Stan Lafleur, Nadja Küchenmeister, Nico Bleutge, Karin Fellner, Jan Wagner, Andreas Altmann, Ulrich Koch, Walle Sayer, Johannes Kühn, um nur einige zu nennen. Da ich Matthias Kehle eher als Lyriker der knappen Worte kenne und schätze, war ich doch ein wenig verwundert, ihn so offensiv auf einer neuen Plattform auftreten zu sehen – das war der Anlaß zu dem folgenden Gespräch.

Frank Milautzcki:
Matthias, du schreibst Lyrik ohne Getöse. Du spürst in Dingen poetische Skelette auf, die der Achtsamkeit vieler entgehen. Deine Gedichte erscheinen mir oft wie eine Umwertung des Banalen. Kann man von der Poesie als einer verborgenen Strebe in der Realität sprechen? Gibt es für dich Banalität?

Matthias Kehle:
Kürzlich habe ich eine Absage von der Redaktion der Zeitschrift „Bellatriste“ erhalten. Begründung sinngemäß: Meine Gedichte seien zu kurz, ich möge sie doch etwas ausschweifender gestalten und ausarbeiten. Meine erste, vielleicht zutreffende Reaktion: „Die ham' ja gar nix kapiert.“ Ich möchte bei meinen Gedichten nicht von „poetischen Skeletten“ sprechen, sondern sie mit Bäumen ohne Blätter vergleichen. Wenn man sich einem entlaubten Baum nähert, erkennt man seine Konturen, seine drei Dimensionen, aber nicht seine Grenzen. Mit minimalem Vorstellungsvermögen sieht man jedoch den belaubten Baum vor sich. Dieser wiederum läßt die Verästelungen nicht erkennen.
Natürlich gibt es für mich Banalität – wenn ich im Hotel durch's Fernsehen (wir haben keinen eigenen mehr) zappe, erlebe ich sie. Aus dem, was wir mit „Wirklichkeit“ oder „Alltag“ bezeichnen, läßt sich viel Poetisches destillieren, aus dem Banalen jedoch nicht.

Frank Milautzcki:
In deinem Blog, das du seit nur wenigen Wochen betreibst, erleben wir einen ganz anderen Matthias Kehle, als jenen, der seine Text so stark komprimiert – einen der gerne erzählt, plaudert, und sehr mitteilsam, fast offensiv mit seinen Lebensbegegnungen umgeht. Ist das eine Art lang entbehrter Ausgleich?

Matthias Kehle:
Nein, das ist einerseits Leidenschaft, andererseits Kalkül. Ich will Menschen dazu bringen, Gedichte zu lesen – nicht nur meine eigenen, ich war immer auch schon Literaturvermittler. Da jedoch in jedem ein kleiner Voyeur steckt, bediene ich diesen mit  kleinen Geschichten, etwa mit Geschichten über meine Begegnungen mit Walter Helmut Fritz, mit Besprechungen von Lesungen, mit Erinnerungen an meinen Vater etc.

Frank Milautzcki:
Ich sehe das Blog als etwas, das die literarischen Genres auflösen hilft. Da kann man erzählen, kommentieren, zitieren, phantasieren, interpretieren, Verknüpfungen herstellen. Wie kamst du zum Bloggen und gibt es Blogs, die du selbst regelmäßig besuchst?

Matthias Kehle:
Wenn es Oliver Gassner nicht gäbe, einer der Gurus in Sachen Literatur und Internet, hätte ich nicht nur als einer der ersten Autoren überhaupt eine Website gehabt (nämlich seit über zehn Jahren), ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen zu bloggen. Oli meinte, ein Blog sei die ideale Möglichkeit, für sich selbst Werbung zu machen. Das fand ich selbst schnell langweilig und etwas eingeschränkt, so dass ich sehr schnell mit meiner sehr persönlichen Art von Literaturvermittlung in Blogform angefangen habe. Ob Blogs literarische Genren auflösen, glaube ich nicht. Es ist für mich ein neues Medium, eine elektronische Literaturzeitschrift. „Erzählen, kommentieren, zitieren, phantasieren, interpretieren, Verknüpfungen herstellen“ - all das kann man mit anderen Medien auch.
Welche Blogs ich regelmäßig besuche? Jetzt im Winter zappe ich gerne. Stan Lafleurs Blog, das Forum der 13 und viele Blogs, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Sobald es wärmer wird und ich mich wieder eher draußen aufhalten werde, werde ich wohl weniger zappen und auch weniger bloggen.

Frank Milautzcki:
Ich habe den Eindruck, daß du die deutsche Lyrikszene sehr gut im Blick hast und ausreichend gut kennst. Findest du den aktuellen Hype um ausschließlich die „junge Lyrik“ gerechtfertigt? Ist sie wirklich so außergewöhnlich und noch nie dagewesen?

Matthias Kehle:
Als leidenschaftlicher Leser habe ich die „Szene“ zwangsläufig im Blick. Der Hype um die „junge Lyrik“ amüsiert und fasziniert mich. In den beiden viel zitierten Anthologien „Neubuch“ und „Lyrik von jetzt 2“ lese ich viele tolle Gedichte, etwa von Sabina Naef und Claudia Gabler, doch vieles ist von höchst mittelmäßiger Qualität. Es ist, wie es vermutlich schon immer war: Neben den vielen großen Talenten flackern kleine Lichter auf, die bald wieder verlöschen werden. Der Hype zeigt m.E. auch die Krise der etablierten Medien im Umgang mit neuer Lyrik. Man kann niemanden auf Dauer hochjubeln. In jeder Saison muss ein neues Gesicht her. Was bleibt, wird die Zeit bringen und sich im nächsten Conrady wiederfinden. Insofern sehe ich es auch gelassen, dass Gedichte, über denen mein Namen steht, nicht überall dort auftauchen, „wo der Schwanz wackelt“.

Frank Milautzcki:
Die wenigsten neuen Lyriker/innen kommen heute noch „von der Straße“. Alle haben sie weitläufig studiert (häufig in Leipzig oder Hildesheim) und sind sehr engagiert im Finden einer eigenen Poetik. Manche Gedichtbände sind in einem tieferen Sinne nur eine einzige Suche nach so einer eigenen Poetik. Ich habe den Eindruck, oft geht es mehr darum, sich zu unterscheiden, als um das einzelne Gedicht. Ist das wie eine Ankleide? Bis man das passende Hemd gefunden hat? Und wie bist du zu deiner unverwechselbaren Art gekommen?

Matthias Kehle:
Hätte es Ende der Achtziger Jahre schon diese „Schreibakademien“ gegeben, ich hätte vermutlich auch dort studiert. Mit etwas Abstand bin ich froh, dass ich meinen eigenen Weg finden musste, auch wenn das „banal“ klingt. „Von der Straße“ komme ich selbst beileibe nicht. Ich bin wohlbehütet und wohlhabend aufgewachsen und selbst Akademiker.
Zuerst sollte übrigens das Gedicht kommen und dann erst die Poetik. Einer der für mich wichtigsten Dichter der mittleren Generation ist Walle Sayer. Ich habe von ihm nie eine Poetik gelesen, wir haben immer „nur“ über Gedichte, über Dichter und über das Dasein diskutiert. Seine eigene Poetik kann man erst dann formulieren, wenn man lange genug Gedichte geschrieben hat. Ich selbst tue mich schwer beim Formulieren einer eigenen Poetik. Das Wesentliche über mein Schreiben hast übrigens Du, Frank, in deiner Rezension ( siehe die Besprechung der "drahtamseln" im Feuilleton auf http://www.fixpoetry.com/index.php?id=6349 ) notiert. Wie bin ich zu meiner Art zu Schreiben bekommen? Meine Mutter sagt, wir Badener seien maulfaul und würden nur das Nötigste von uns geben. Geprägt haben mich meine Lektüreerfahrungen. Auf der einen Seite waren das die Hermetiker der Sechziger Jahre, dann aber Autoren wie Brinkmann, Eich und Fritz. Und schließlich gibt es noch den Literaturwissenschaftler Matthias Kußmann, der mir beim Lektorieren meiner Gedichte immer wieder diese Vorbilder regelrecht ausgetrieben hat, so lange bis ein unverwechselbarer „Kehle“ auf dem Papier stand. Eigentümlicherweise ist die lakonische Tradition der Lyrik im deutschen Südwesten verankert. Ich nenne nur Rainer Brambach, Werner Lutz oder Walter Helmut Fritz. Womöglich hat meine Mutter Recht: Im Badischen, Schwäbischen oder Alemannischen ist man maulfaul.

Frank Milautzcki:
Die Welt der Literatur ist längst von den sensationsliebenden Ausspülungen der Medien beschädigt. Teilst du meine Hoffnung, daß gerade das Nutzen des Internets, bspw. das Bloggen, das Entstehen von Foren (wie fixpoetry, das Forum der 13 etc.), eine Art Independent-Kultur der Sprache etablieren hilft, in der weiterhin das Eigentliche geschieht?

Matthias Kehle:
Lyrik kommt im „altehrwürdigen“ Feuilleton so gut wie nicht mehr vor, eine Literaturkritik, die diesen Namen verdient, ebenso wenig. Da ich von der Kritik einigermaßen verwöhnt wurde, kann ich mir diese Behauptung ungestraft leisten. Es gibt nur noch ganz wenige Kritiker von Rang, zumal jüngere, die FAZ, ZEIT, NZZ oder DLF bedienen. Was auch daran liegt, dass die Redaktionen die Honorare für die freien Mitarbeiter immer weiter kürzen, während die Redakteure immer weniger Zeit haben zu lesen. Früher habe ich für meine Provinzblätter (was nicht abwertend gemeint ist) regelmäßig Bücher besprochen – es lohnt sich einfach nicht (mehr). Mit der fatalen Folge, dass sich die anspruchsvolle Kritik immer mehr ins Internet verlagert  – wiederum mit der Folge, dass die Kritiker ihr Geld mit anderen Dingen verdienen müssen. Theo Breuer zum Beispiel, der wohl wichtigste Lyrikkritiker und -vermittler übrigens (eine Meinung, die auch Nico Bleutge teilt), war lange Zeit Lehrer.
Was die Primärliteratur betrifft, so ist das Internet einfach ein weiteres Medium zur Verbreitung. Und zwar von der Blümchenlyrik bis zu Walle Sayer, Frank Milautzcki oder Swantje Lichtenstein. Es ist - auch das eine banale Erkenntnis - ein gewaltiger Gemischtwarenladen. Das „Eigentliche“ geschieht m.E. immer noch in Buchform. Weil erst mit Erscheinen im Printmedium die Buchstaben und Wörter fest-stehen.