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Gedichte

Autor:
Klara Beten
Besprechung:
Andreas Hutt
 

Gedichte

Im Wortgehege

04.07.2012 | Hamburg

Die Augen nehmen die Umwelt wahr, bringen Bilder ins Bewusstsein, inspirieren. Die Sprache als Kernmedium des Denkens beschreibt, was wir sehen, kommentiert, ermöglicht es das Gesehene bei einer sprachlichen Darstellung zu akzentuieren, reflektiert die Versprachlichung optischer Eindrücke. So entstehen aus Situationen des Alltags Kopfbilder, Skripte einer gedanklichen Verarbeitung der Realität. Die Gedichte Klara Betens sind solche Kopfbilder.

Folgerichtig werden in den Texten immer wieder die Augen oder Blicke des lyrischen Ichs thematisiert. Augen „treiben … an diesem besonderen regen entzwei“ (fragmentarische tierart, so geht das gedicht, S.10), „ihr flügeltreibendes; in den augen reiszendes licht“ (S. 33) oder „die tobende, flexible nautik der augen“ (pflanzenabfälle S. 61). Auch das Rekurrieren auf Sprache ist ein häufiger Bestandteil der Texte: „waren wir denn nicht immer allein in diesem gehege der worte“ (S. 65) oder „u. es gibt kein winterpalais der sprache (7), das zu erstürmen wäre“ (S. 32). Gelegentlich wird sogar der Prozess des Dichtens in den Gedichten reflektiert: „dagegen wendet sich, verständlich, kein gedicht, kein bild wird hier gemacht im widerspruch zu solchen ecken“ (14).

Die Themen, denen sich die Texte widmen, sind vielfältig: Großstadt, Krankenhausaufenthalte, moderne Kunst, Liebe, Kindheitserinnerungen, Ereignisse aus der Geschichte, Welterkenntnis durch Sprache etc.

Fast immer ist der Gegenstand des Gedichtes bzw. die Alltagssituation, die den Dichter inspiriert hat, erkennbar, aber sprachlich durch Raffungen, Auslassungen, Kommentare und vor allem durch eine komplexe Bildsprache verfremdet. Die Metaphern Klara Betens sind innovativ, anregend und stellen hohe Anforderungen an den Leser: „die tauwelken narben der nacht liegen aus“ (fragmentarische tierart, so geht das gedicht, S. 10), „die reime stimmen sich dem raum als wundfabrik der worte an?“ (plan zur anordnung der memographie 1941- 1981, S. 24) bzw. „die/ einraumschädel, ein ertastbares verdun der nacht“ (eine sache auf youtube, S. 43). Darüber hinaus arbeitet Klara Beten mit Neologismen („auslegungskerze“ S. 10, „ruandakontinent“, S. 15, „körperwild“, S. 18), Sprachspielen („schneller brüter“ – „gestellter behüter“, S. 58), ungewöhnlichen attributiven Fügungen („so ein loses lautkleines knarren“, S. 51 oder „diese für den notfall gesponserte, an den besseren künsten gerichtete landschaft“, S. 29) und Alliterationen. Die Sprache Klara Betens wirkt dadurch zum einen originär, zum anderen durch die Verwendung von Begriffen wie „einraumschädel“ oder „entholztes gedächtnis“ (S. 6) archaisch, als wolle der Dichter Sprachfragmente der Vergangenheit in unsere Zeit transponieren und dichterisch für die Gegenwart nutzbar machen. Der eigentliche Wert der Kopfbilder Klara Betens liegt aber darin, durch die innovative Verwendung von Sprache den Blick und das Denken des Lesers zu öffnen: Realität wird hier auf eine Weise gesehen und interpretiert, die festgefahrene Muster der Welterfahrung im Lesers aufzubrechen vermag. Deshalb stört man sich nicht an einigen wenigen ästhetischen Fehlgriffen (z.B. „offnung“ (S. 59) als Neologismus aus offen und Hoffnung bzw. „als ob wir blicke versenken spielen“ (S. 29)), deshalb wünscht man dem Band viele Leser.

 

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wecker, schwerlast, kopfbild default

so schwer im frühlicht/ nacht=

barne noch, die seltenen vögel

an den noch ungemachten lippen; das

frühlicht, so schwer verschwiegen

versilbtes kopfbild, noch default.

die wortkästen an der wand; so ein

andachtsfühler: fühler zu sein in dieser

stummen schrankwelt/ sechsuhrsieben

undzwanzig. und irgendein besseres wort

für augenlast; die lider ziehen wieder zu

du schreibst dir deinen tages=zulauf ab

vom blatt im flur; die bleichen wangen

blöd unter dem wasserstrahl; nur so ein stumm=

wandmorgen; eine andere suche der hände

im gesicht/ durch die verkapselten fenster

dringt so ein aufgeschnapptes fahrzeugsonor;

default? noch nicht ganz da: ach schwarze

last der frühe, wir denken an abends; usw.

so eine fern fahrende sprache; nimm dir ein

heft unter den arm und versuche, es den

tag über nicht fallen zu lassen; oder, eine

leichtere aufgabe für die fahrt: in der ubahn

ein paar aktien zu setzen; aber das geht alles

zu lasten der augen, wieder ziehen die lider

nach unten und die ansage in der bahn, dass

der tag zu einem windhund lädt; dass der

wind den tag so richtig schwer macht, ein

paar regenwolken, links: die sonne/ ein wahlergebnis

ist ein wunder der stirn; eine verwunderte

stirne? nur ein kopfbild, hängend; und die nächste

station schon voltastrasse/ wir streifen

an den stadtmikrophonen entlang ins büro;

kopfbild; entladen, default.




Originalbeitrag

Klara Beten: Kopfbild, default, wlwh verlag 8,90 Euro