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Gedichte und Nachdichtungen
-Die vorauseilende Moderne.
17.07.2012 | Hamburg
Dem österreichischen Germanisten und Jiddisten Armin Eidherr gebührt Anerkennung. Mit der Herausgabe des Bandes „Der Tag des Einsamen“ macht er erstmals seit den 1960er Jahren das Werk eines Autors zugänglich, für den das Prädikat „fast vergessen“ eigentlich nicht zutrifft. Der Name Isaac Schreyer, 1890 in Wischnitz/Bukowina geboren, dürfte wohl ausschließlich Experten auf dem Gebiet der jiddischen Literatur etwas sagen. Dabei schrieb der 1948 im New Yorker Exil gestorbene Schreyer auf Deutsch. Publiziert hat er zu Lebzeiten jedoch nur wenig und ausschließlich in Zeitungen und Zeitschriften. In Buchform erschienen seine Gedichte erstmals 1950 in New York und noch einmal 1968 in Wien. Mit der 2011 im Rimbaud Verlag erschienenen Ausgabe wird nun ein weiterer Versuch unternommen, Schreyer vom äußersten Rand der Literaturgeschichte ein Stück weit Richtung Mitte zu rücken.
Der Herausgeber dürfte sich bei der Zusammenstellung des Bandes wohl eher als Archäologe denn als Literaturwissenschaftler gefühlt haben, denn in drei Abschnitten werden die Gedichte Schreyers in möglichst chronologischer Abfolge präsentiert. Und das ist wörtlich gemeint, wie Eidherr in seinem Nachwort selbst betont. „Denn bei vielen Gedichten ist es so, dass sie zwar mit einem bestimmten Datum versehen sind, diese Angaben jedoch immer eher den Tag der Fertigstellung bezeichnen als der unmittelbar auf eine ‚Inspiration‘ folgenden ersten und gleich endgültigen Niederschrift.“ Die Einteilung des Bandes ist dennoch schlüssig. Den frühen Gedichten folgen Texte aus der Diaspora und dem Exil. Ein viertes Kapitel versammelt die wenigen Nachdichtungen Schreyers aus dem Jiddischen. Dabei fällt auf, dass den Gedichten eine geradlinige Entwicklung des Stils oder der Stile Schreyers nicht abzulesen ist. Zwar ließe sich dem Frühwerk eine gewisse Dominanz impressionistischer und hymnischer Klänge attestieren, während das Spätwerk vor allem elegisch und psalmenhaft wirkt, doch finden sich die wesentlichen Elemente der Schreyerschen Lyrik in jeder Werkphase wieder.
Isaac Schreyers Lyrik ist geprägt von einem Pathos, das wenig mit der Entstehungszeit der Texte zu tun zu haben scheint. In wiederkehrenden Bildern besingt er „ergraute Wiesen“, die „Landschaft der Kindheit“ oder „die eingefallenen Häuser“. In den Sujets lässt sich zwar eine eindeutige Bewunderung für die Gedichte Trakls ablesen, wie sie von Eidherr auch nachgewiesen ist, der Ton lässt jedoch das wahre, alle Texte überstrahlende Vorbild erkennen – und das heißt Friedrich Hölderlin. „O Landschaft der Kindheit, / Schmerzlich verschollene, / Noch lausch ich zuweilen im Traume / Dem Rauschen der Buchen, / Aber dunkel strömt der Sinn / Und dunkler noch der Gottheit Wort …“
Nun ist es aber keinesfalls so, dass Schreyer in klassischer Zeit stecken geblieben ist. Er kennt, neben Trakl, sehr wohl die Dichter und Diskurse seiner Zeit, nimmt Notiz von Gottfried Benn („Weg allen Fleisches“) und Friedrich Nietzsche („Nun wird schon alles Flamme“). Allerdings erreichen seine Texte nie annähernd die Sprengkraft dieser beiden, die Gottesfurcht verbietet es. „Wir hungern, o Herr! / Gib uns die stille Einfalt der Pflanze, / Gib uns ihr seliges Wurzeltreiben.“ Nach 1918 kann man sich erkühnen zu behaupten, dass niemand antworten wird.
Origineller, um nicht zu sagen authentischer, werden Schreyers Gedichte, wenn sie von exotischen Erfahrungen genährt werden. Damit ist vor allem der erste New York-Aufenthalt von 1935 gemeint, also in der Zeit, bevor die Stadt zum Exil wurde. So liest sich die „Nacht im Hafen“ auf einmal überraschend flott und modern. „Aus dunklen Spelunken unkt / Der Lockruf betörter Gitarren. / Aus rastlosen Beinen funkt / Tanzglut mit kaltem Beharren. // Wenn wo ein Messer blitzt, / Muss Urhass sich brünstig entladen. / Schon dämmert ein Auge und schlitzt / Gedunsene Mädchenwade.“
Solche dem Jazz Age entspringenden Milieuschilderungen, die sozusagen der modernen Düsternis der Welt entsprechen, bleiben jedoch die Ausnahme. So ist denn auch Eidherrs Versuch eine gewisse moderne Relevanz Schreyers durch etwaige Parallelen in den Texten von Bands wie Goethes Erben, Lacrimosa oder Umbra et Imago geltend zu machen, eher unglücklich. In letzter Konsequenz hätte dies nämlich zur Folge, dass Schreyers Werk irgendwo zwischen hoher poetischer Reflexivität (Goethes Erben), weinerlichem Gruftie-Kitsch (Lacrimosa) und peinlicher S/M-Ästhetik (Umbra et Imago) changiert. So schlimm ist es aber bei weitem nicht.
Die Neuedition der Gedichte Isaac Schreyers ist zweifelsohne eine verdienstvolle Arbeit. Ob es jedoch gelingt den Dichter damit stärker ins literaturhistorische Bewusstsein zu rücken, ist fraglich. Allzu deutlich sind die Vorbilder Hölderlin und Trakl in Schreyers Texten, die dadurch den Anschein erwecken, dass ihr Verfasser der Klassischen Moderne zeitlebens hinterher gelaufen ist.
Exklusivbeitrag
Isaac Schreyer – Der Tag des Einsamen Gedichte und Nachdichtungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Armin Eidherr// 30 Euro ISBN 978-3-89086-474-7 Rimbaud Verlag, Aachen 2011
